Podiumsdiskussion zur Pflege – SPD verspricht „massive Veränderungen“

12.09.2018

Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum, ein brisantes und viel diskutiertes Thema, das seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit steht und Pflegebedürftige, Pflegekräfte sowie Angehörige von Jahr zu Jahr stärker betrifft. Auf der Podiumsdiskussion der SPD im Klinikum Hochsauerland in Meschede standen daher wichtige Punkte zur Pflegepolitik sowie Vorschläge zur medizinischen Versorgung auf der Agenda.

In seinem Impulsvortrag „Pflege stärken: aktuelle Vorhaben der SPD-Bundestagsfraktion“ erläuterte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Karl Lauterbach, was sich in der Pflege verändert hat. „Bei der Einführung der Pflegeversicherung waren ein Drittel aller Pflegebedürftigen an Demenz erkrankt, heute sind es 80 Prozent. Wenn wir den Bedarf abschätzen wollen, müssen wir uns damit beschäftigen, um vorzubeugen und um zu erkennen, wie viele weitere Erkrankungen auf uns zukommen. Unter optimalen Bedingungen können mehr als 90 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert werden. Krebserkrankungen sind bei optimaler Vorbeugung nur zu 40 Prozent vermeidbar. Die anderen 60 Prozent können nicht beeinflusst werden. Das liegt an dem Potpourri von Genen, die in Arbeit sind“, erläuterte der Gesundheitsexperte.

Lauterbach wies weiterhin darauf hin, dass alle Gene mit ihren Kombinationsmöglichkeiten 2 hoch 150 bei allen drei Krankheiten – Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankung und Krebs – eine Rolle spielen. „In 20 Jahren wird sich viel tun. Wir können frühzeitig Risikopatienten für Demenz erkennen und so die Erkrankungen minimieren. Eine konsequente Bluthochdruckkontrolle im mittleren Alter, kein Übergewicht sowie die Einnahme von Vitamin B6 und B12 reduzieren das Demenzrisiko. Diese Möglichkeiten werden bisher leider noch viel zu wenig genutzt. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird von 3,3 Million in 15 Jahren auf 4,5 bis 5 Millionen steigen“, erklärte der Professor.

„Kinder, die nicht geboren wurden, können keine Kinder bekommen.“

Eine immer älter werdende Gesellschaft, das Sandwich-Phänomen (zwei Generationen sind pflegebedürftig), geburtenschwache Jahrgänge, weniger Pflegepersonal sowie größere Arbeitsbelastungen lassen die Pflegequalität sinken. „Kinder, die nicht geboren wurden, können keine Kinder bekommen. Wir haben eine Unterdeckung von mehr als 200.000 Pflegekräften. Immer weniger interessieren sich für einen Pflegeberuf. Die Berufe müssen attraktiver werden, wie in Skandinavien und in den Niederlanden. Die Bezahlung muss steigen und das Personalproblem muss im Land gelöst werden. In der neuen Legislaturperiode wird sich das ändern und die Tarife in der Pflege werden eins zu eins durch die Kassen refinanziert. Zudem sollen die Kosten nachweispflichtig sein“, versprach Lauterbach. Als weitere Maßnahme solle nach zehn Jahren Diskussion die Ausbildung zum Alten- und Krankenpfleger generalisiert werden. Eine bessere Bezahlung, neue und bessere Karrieremöglichkeiten, Entbürokratisierung sowie verbesserte Arbeitsbedingungen in der Pflege seien laut dem SPD-Politiker, der für eine Vollkasko-Pflegeversicherung plädiert, zwar keine ganzheitliche Lösung der Probleme, aber dennoch notwendig.

Zeitmangel und Überbelastung

In der anschließenden Diskussionsrunde ging Werner Kemper, Sprecher der Geschäftsleitung des Klinikum Hochsauerland, auf die Personalprobleme sowie die Mindestvorgaben auf Intensiv oder in der Kardiologie ab dem 1 Januar 2019 ein. „Die Vorgaben müssen erfüllt werden. Schaffen wir das nicht, droht eine Abteilungsschließung. Karrierewege in der Pflege wurden bisher differenziert, die Ausbildung gestärkt. In diesem Jahr haben wir 60 zusätzliche Ausbildungsplätze eingerichtet und planen zudem ausländische Auszubildende zu aquirieren. Von außerhalb ist eine massive Stärkung erforderlich“, so Kemper. Der demografische Wandel, der Bedarf nach mehr Pflegepersonal und Ärzten, die Standortsicherung in Südwestfalen und deren Entwicklung sowie die Attraktivität der Berufe seien eingehendst untersucht worden. Wolfgang Schlenke, stellvertretender Bezirksgeschäftsführer von ver.di, plädierte für mehr Attraktivität, eine Entlastung am Arbeitsumfeld und eine bessere Lobby der Pflegeberufe. Ulrich Mönke, Vorstandsmitglied von „Pflege in Bewegung“, kritisierte hingegen den Zeitmangel, die Überbelastung examinierter Kräfte und somit die fehlende Zeit zur Einhaltung von Hygienevorschriften.

„Vier Faktoren werden Krankenhauslandschaft massiv verändern“

„Es wird vier Veränderungen in der Krankenpflege geben. 1. Der Personalmindeststandard wird für alle Abteilungen beschlossen, 2. Mindeststandards für Eingriffe sind ein medizinisches Gebot, 3. Ein höheres Anforderungsprofil hinsichtlich Spezialisierung wird an die Ärzte gestellt und 4. wird eine Nachweispflicht in der Pflege erforderlich sein. Diese vier Faktoren werden die Krankenhauslandschaft in Deutschland verändern“, erklärte daraufhin Prof. Dr. Karl Lauterbach.

Auf die Frage der Gestaltung und Attraktivität der Region und der damit verbundenen Standortsicherung erklärte Lauterbach, dass Basis-Krankenhäuser im ländlichen Raum bezuschusst werden. Das abschließende Fazit des Gastgebers und heimischen MdB Dirk Wiese lautete: „Es gibt nicht den einen gordischen Knoten im Gesundheitsbereich, um alle Probleme zu lösen. Wir versuchen gemeinsam alles zu verbessern und uns zu organisieren.“

Quelle: Sauerlandkurier 06.09.2018